TikTok – Marketing-Segen oder Datenschutz-Fluch?

TikTok ist der Hype der Stunde. Grund genug einmal genauer zu schauen: Ist TikTok Marketing-Segen oder Datenschutz-Fluch?

Bei diesem Artikel handelt es sich um meine persönliche Meinung, die ich mit Quellen untermauere. Ich habe versucht, beide Seiten zu betrachten, allerdings dürfte klar sein, dass ich als Datenschutzbeauftragte und Mutter (trotz Marketing-Erfahrung) meinen eigenen Standpunkt habe.

Was ist TikTok?

TikTok ist eine App, bei der Nutzer kurze Videosequenzen hochladen können. Bekannt wurde sie unter dem Namen musical.ly für kurze Lip-sync-Musikvideos. Kinder können hier aus ihrem Kinderzimmer (!) heraus Videos aufzeichnen und weltweit ins Netz stellen. (Diese Erklärung ist besonders für viele Eltern wichtig, die oftmals gar nicht wissen, was ihre Sprösslinge so alles auf ihrem Smartphone nutzen.)

Im vergangenen Jahr war TikTok die am vierthäufigsten heruntergeladene App der Welt. Nach Facebook, Instagram, Youtube und Snapchat ist TikTok die fünftgrößte App, die auch Werbung ermöglicht.

Ist TikTok Marketing-Segen oder Datenschutz-Fluch?

Marketing-Segen

TikTok (ehemals musical.ly) ist, laut t3n, der Trend #1 in den 8 Social-Media-Trends für 2020 und darf laut deren Ansicht bei keiner Marketingstrategie fehlen. Insbesondere Influencer nutzen, laut wuv, TikTok sehr erfolgreich.

Interessant ist vor allem, dass die Zielgruppe von TikTok sehr jung ist (ein Viertel der Nutzer sind zwischen 13 und 17 Jahren). Gerade diese Zielgruppe ist besonders kauffreudig und nutzen nach dem Fernseher als zweithäufigstes Medium das Handy.

eye-research fand heraus, dass dreiviertel der Kinder und Jugendlichen selbst entscheiden dürfen, wofür sie ihr Geld ausgeben und immerhin noch knapp 30% dürfen selbst bestimmen, welche Apps sie nutzen.

Wenn man dann noch weiß, dass Jugendlichen im Schnitt 200€ pro Monat zur Verfügung stehen, wird schnell klar, weshalb eye-research empfiehlt:

Marken sollten die Chance der ‚frühen Prägung‘ nutzen und sich bei Kindern &Jugendlichen positiv positionieren. Damit legen sie den Grundstein für spätere Markennutzung und ggf. Markenloyalität.

Da passt ein Portal wie TikTok perfekt. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Influencer diese App sehr schnell für sich entdeckt haben. Warum Influencer fürs Marketing so wichtig sind, ist klar: Schau hin! berichtete, dass

„Besonders Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren (…) den Einschätzungen ihrer Online-Idole (vertrauen). Dabei können junge InternetnutzerInnen Werbung oft nicht von anderen Inhalten trennen.“

Das ist denn auch ein Grund für mich, genauer hinzusehen, denn gerade Jugendliche in diesem Alter sind nicht umsonst gesetzlich besonders geschützt.

Warum ist TikTok so gefährlich?

Ab 13 Jahren darf man TikTok nutzen. Es kommt also hier auch auf die Eltern an. Klicksafe hat die Risiken bei TikTok wunderschön zusammengestellt, daher nenne ich sie hier nur ein der Aufzählung:

  • Unsichere Voreinstellung der Konten
  • Keine wirksame Kontrolle des Mindestalters
  • Cybergrooming (gefährliche Kontaktanbahnungen durch fremde Zuschauer)
  • Kostenfalle In-App-Kauf
  • Cyber-Mobbing
  • Jugendgefährdende Inhalte
  • Urheberrechte

Alles Punkte, bei denen wir Eltern genau hinschauen sollten – sei es, weil es unsere Kinder gefährdet oder wir haften müssen.

Youngdata, das Jugendportal der unabhängigen Landesdatenschutzbehörden, zitiert in seiner Meldung „TikTok – überwacht und diskriminiert“ einen Bericht der Süddeutschen und berichtet davon, dass die Reichweite von Menschen mit Behinderungen eingeschränkt und auch die Meinungsfreiheit nicht immer beachtet werde.

Viel konkreter stellen es die datenschutz-notizen dar:

Nicht nur chinakritische und politische Inhalte werden überprüft und ggfs. ausgeblendet oder gelöscht (nach einem sog. „Shadow-ban System“). Gefiltert werden auch Videos von Nutzerinnen und Nutzer allein auf Grund eines selbstdefinierten Schönheitsbildes bzw. zum „Schutz vor Mobbing“, was vor allem Menschen mit Behinderungen und Homosexuelle trifft. Insgesamt werde in einem mehrstufigen Modell die Reichweite bis hin zur Isolation und Löschung der Inhalte gesteuert. Dieses sei nach Meinung Vieler eine Form der Zensur und Diskriminierung von unterschiedlichen Menschengruppen.

Vor dem Hintergrund, dass sich Jugendliche noch in der Entwicklung befinden und leicht beeinflussbar sind, halte ich das – neben den datenschutzrechtlichen Bedenken –  für ein besonders hohes Risiko.

Damit zurück zur Eingangsfrage: Ist TikTok Marketing-Segen oder Datenschutz-Fluch?

Datenschutz-Fluch

Die Datenschützer kritisieren, dass

„der Betreiber bei diesen Nutzern nach Art. 7, Art. 8 DSGVO die Einwilligung der Eltern einholen (müsste). Dieses gilt nicht nur für die Anmeldung, sondern letztlich für jedes einzelne Bild/Video. (gilt für alle unter 16-Jährigen)

Aber auch die Umsetzung der Betroffenenrechte, beispielsweise die Durchsetzung des Rechts auf Löschung (Vgl. Art. 17 DSGVO) wirft viele Fragezeichen auf.“ (datenschutz-notizen)

Datenschutzrechtlich sauber ist die App also (trotz Einwilligung in die Nutzungsbedingungen bei Account-Erstellung) definitiv nicht. Was vielleicht nicht jeder weiß: TikTok übermittelt auch unangemeldet Daten. (Süddeutsche: Wie Tiktok seine Nutzer überwacht).

TikTok gehört dem chinesischer Anbieter ByteDance. China – das ist das Land, das aktuell seine Bürger mit seinem Sozialkredit-System überwacht. Dass diesem Land der Datenschutz vielleicht nicht so ganz wichtig ist, das kann sich vermutlich jeder selbst ausmalen…

Im Artikel „TikTok in der Kritik – von Datenschutz bis hin zur Menschenwürde“ berichten die datenschutz-notizen:

Der Betreiber aus Peking analysiert das gesamte Nutzerverhalten und hat Fingerprinting Skripte im Einsatz. Die Daten der Nutzer sollen – wie auch bei anderen Social Media Angeboten üblich – mit mehreren tausend Werbepartnern geteilt werden.

Was sagt die Behörde?

Kurz vor Weihnachten hat der Thüringische Landesdatenschutzbeauftragte eine wunderschöne Pressemitteilung veröffentlicht mit dem Titel: „TikTok“ – Hier klopft nicht der Weihnachtsmann!

Darin fasst er zusammen:

Ganz nebenbei erfasst die App nicht nur die Kontaktdaten des Nutzers, sondern auch, welche Apps sonst noch laufen, was dem Nutzer gefällt, was er gekauft hat und welche anderen Kontakte er auf dem Smartphone hat. Alles personenbezogene Daten, die geeignet sind, Profile zu erstellen. Verknüpft man die App zudem mit anderen Sozialen Medien wie Facebook, erhält TikTok auch Zugriff auf die öffentlichen Profilinformationen und die Freundesliste.

(…) mit dem Einsatz von Tracking-Tools wie Google Analytics und Facebook-Pixel werden unter dem Deckmantel der Verbesserung und Optimierung des Dienstes weitere Daten erhoben und geteilt.

(…) TikTok erklärt in der Datenschutzerklärung, dass auch von kommerziellen Anbietern und aus öffentlichen Registern Profildaten erworben wer- den. Man gibt sich also alle Mühe, die Teilnehmer des Dienstes möglichst umfänglich zu erfassen.

Der (oft minderjährige) Nutzer gibt also „freiwillig“ alle seine Daten in höchst detaillierter Form preis und diese werden dann mit unzähligen, unbestimmten Partnern geteilt. Das ist ein Alptraum für die Grundrechte und Freiheiten der Nutzer. Leider scheint das vielen schlichtweg egal zu sein: vgl. businessinsider „Wie junge Influencer in Deutschland mit Tiktok Geld verdienen“

Influencer Falco Punch sieht es eher gelassen: „Ich mache mir keine Sorgen, da auf jeder Plattform Daten übermittelt werden und es fast schon normal ist. Ich bin damit einverstanden und habe kein Problem damit.“ Auch Influencerin Chanydakota hat keine Bedenken.

Diese Herangehensweise halte ich persönlich für sehr naiv.

Was bedeutet das für Sie?

Ob für Sie TikTok Marketing-Segen oder Datenschutz-Fluch ist, kommt vielleicht auch ein wenig auf Ihren Standpunkt an.

als Unternehmen

Wenn Ihre Zielgruppe sehr junge Menschen sind und Ihre Produkte nicht zu teuer sind, dann kommen Sie um TikTok als Marketingergänzung zu Youtube, Facebook und Instagram wohl nicht drumherum. Sollten Sie Anzeigen schalten, kann es aber sein, dass Sie datenschutzrechtlich verantwortlich werden und dann in einem ähnlichen Dilemma stehen, wie bei der Facebook-Nutzung.

als Eltern/ Jugendliche/ Nutzer

Ich möchte hier nur ein ganz klein wenig den Zeigefinger heben. Jeder hat das Recht die Plattform zu nutzen, die er mag und besonders bei Jugendlichen ist die Meinung der Freunde meistens wichtiger als die Bedenken der Eltern. Umso wichtiger finde ich es, unsere Kinder zu informieren und sie zu mündigen Bürgern zu erziehen, die ihre Entscheidungen bewusst treffen.

Daher hier noch zum Schluss der Link zu klicksafe, der Tipps für Jugendliche und Eltern zu TikTok gibt: https://www.klicksafe.de/apps/tiktok/tipps-fuer-jugendliche-und-eltern/

 

+++Update vom 14.03.2020+++

youngdata.de meldete am 27.02.2020: TikTok: Mehr Kontrolle für Eltern

+++Update vom 19.09.2020+++

datenschutz-notizen.de meldete am 06.07.2020: Neues Datenschutzverfahren gegen TikTok

Bildquellen

  • tiktok: Aleksei@stock.adobe.com