Ein Leben ohne Whatsapp

… und Facebook geht das überhaupt?

Aktualisierung vom 16. Januar 2020:
Den folgenden Artikel veröffentlichte ich Mai 2019. Zeit für eine Überarbeitung.

(Mai 2019) Ein Jahr nach Einführung der DSGVO macht facebook immer noch hauptsächlich mit Datenskandalen auf sich aufmerksam. Trotz millionenschweren Rückstellungen für Strafzahlungen macht der Konzern weiterhin enorme Gewinne und erfreut so die Aktionäre.

In meiner Funktion als Datenschutzbeauftragte und Datenschutzkoordinatorin eines Klinikums erzähle ich beinahe täglich, wie “böse” Facebook ist und dass WhatsApp zur Unternehmenskommunikation gänzlich ungeeignet ist. Da war es am Ende eine Frage der Glaubwürdigkeit, dass ich meine ganzen Accounts (Facebook, Instagram und WhatsApp) im vergangenen Jahr Stück für Stück abgemeldet habe.

Doch wie lebt es sich so fernab jeglicher Social-Media-Zivilisation?

Zunächst einmal: ruhiger 😉

Aber schauen wir uns die einzelnen Aspekte genauer an. Dabei bin ich definitiv nicht sachlich und schon gar nicht neutral.

1. ein Leben ohne Facebook

Als erstes gab ich Facebook auf. Das war ein gewaltiger Einschnitt:

  • Niemand erinnert mich mehr daran, dass Freunde Geburtstag haben
  • Wichtige Nachrichten aus der Welt erreichen mich erst am Abend oder darauffolgenden Tag (wenn überhaupt)
  • Das eigene Marketing ohne “auf facebook teilen” ist ganz ehrlich auch sehr schwer…
  • Und überhaupt: Woher soll ich jetzt wissen, welche Disney-Prinzessin ich bin???

Trotzdem bereue ich diesen Schritt nicht:

  • Ich verbringe deutlich weniger Zeit am Handy. Während ich früher – gerade unterwegs, wenn ich irgendwo warten musste – mal fix (gefühlte 300 Mal) “facebook gecheckt” habe, schaue ich jetzt in die Natur. Das beruhigt mental und freut meine mobilen Daten 😉 
    Und wenn ich schon mal “aufschaue” – wieso nicht den guten alten Familien-Kalender wieder nutzen. Ein Anruf oder eine kleine persönliche Nachricht ist doch eigentlich sowieso viel schöner, als ein hastig getipptes “Herzlichen Glückwunsch” als Reaktion auf die Erinnerung.
  • Um wichtige Nachrichten zu erhalten, nutze ich die Tagesschau-App. Jetzt erhalte ich auch keine “fake-News” mehr und das Leben ist deutlich unaufgeregter. (Das einzige was ich bei der Tagesschau noch nicht ganz verstehe, ist, weshalb Todesmeldungen von eher unbekannten Persönlichkeiten per Gong und Push-Mitteilung zu mir geschickt werden…)
  • Statt Marketing über Facebook kann man berufliche Netzwerke nutzen. Ist allerdings nicht ganz so effektiv, wenn man Privatpersonen als Klientel hat. Wer ernsthaft Marketing betreibt, der investiert eh in verschiedenen Kanäle. Allerdings ist das Marketing über Facebook tatsächlich leichter und oft sogar kostenlos… (Insofern verstehe ich jedes Unternehmen, das auf diesen Kanal nicht verzichten möchte.) Wobei Digitalcourage diesen Punkt anzweifelt: Facebook – eine Grundsatzentscheidung
  • Erst kürzlich veröffentlichte eine Kollegin einen unglaublich guten Artikel darüber, was Facebook tatsächlich alles an Daten vom Nutzer sammelt. Das ist schon fast gruselig. https://regina-stoiber.com/2019/05/20/facebook-datenschutz-was-weiss-facebook-ueber-mich/

Ergänzung vom Januar 2020:

2. ein Leben ohne Twitter

Ich selbst habe Twitter nie wirklich genutzt. Spannend und eigentlich auch nur konsequent finde ich jedoch die aktuelle Entscheidung des baden-württembergischen Landesdatenschutzbeauftragten, der sich von Twitter komplett verabschiedet hat, da eine Nutzung der Portale facebook und Twitter seiner Meinung nach nicht rechtskonform möglich ist. Er empfiehlt diesen Rückzug sämtlichen Behörden und kündigt an, entsprechende Accounts von Behörden zu untersagen. Sicherlich kann man aus einer solchen Entscheidung schon gewisse Rückschlüsse auf den Standpunkt der Datenschutzaufsicht ziehen.

Wer mer lesen will: Behörden ziehen sich aus sozialen Medien zurück (Tagessspiegel)
Schluss mit Facebook und Twitter? (Behörden-Spiegel)

3. ein Leben ohne Instagram

Ich mochte es, meine Bilder zu zeigen und mir Bilder von befreundeten Fotografen anzusehen. Instagram fehlt mir von allen Kanälen tatsächlich am meisten, aber konsequent ist konsequent… Und auch hier ist der Zeitgewinn enorm. Eine Alternative habe ich hier bewusst nicht gesucht.

4. ein Leben ohne Whatsapp

Wer kennt das nicht? Ein Verein oder die Elternvertreter in der Schule erstellen eine Gruppe und dann artet – trotz mehrfacher Bitten dies nicht zu tun – jede Nachricht in eine Nachrichtenflut aus. Man öffnet das Handy und plötzlich stehen da 150 neue Nachrichten (vorausschauend genug, um die Gruppe auf lautlos zu stellen, war ich ja schon) … :/ Und was war eigentlich noch mal Netiquette?

Von Whatsapp habe ich mich emotional am leichtesten verabschiedet, obwohl ich befürchte, den Kontakt zu einigen meiner Bekannten dadurch zu verlieren. (aus den Augen – aus dem Sinn)

Andererseits war ich überrascht, wie viele meiner Bekannte dann doch schon “Zweit-Messenger” nutzen oder zumindest auf ihrem Handy installiert haben. Ich finde es toll, dass es hier mittlerweile viele Gleichgesinnte gibt und dass auch die Lehrer der Schule sich ausdrücklich gegen Whatsapp-Gruppen aussprechen. Wir Erwachsenen sind hier m.E. Vorbild für unsere Kinder und haben die Aufgabe, sie zu mündigen Bürgern im digitalen Zeitalter zu erziehen.

Als Alternative nutze ich persönlich Threema und Signal. Andere Bekannte nutzen Telegram. Allesamt besser als Whatsapp.

DieRedaktion von t3n hat zudem einen wunderschönen Artikel zu Whats-App-Alternativen geschrieben.

+++ Update vom 14.03.2020:
Youngdata.de meldete am 0303.2020: “WhatsApp: Gruppenchats für Fremde zugänglich” +++

Ergänzung vom Januar 2020:

5. ein Leben ohne TikTok

Auch dieses Portale habe ich selbst nie genutzt. Da ich jedoch im Umfeld sogar Kinder unter 13 Jahren kenne, die dieses Portal nutzen, habe ich einen eigenen Artikel hierzu verfasst: TikTok – Marketing-Segen oder Datenschutz-Fluch?

6. ein Leben ohne doodle und Skype

Gut, doodle und Skype gehören nur bedingt in diese Liste, aber ich möchte an dieser Stelle dennoch eine Alternativ-Lösung vorstellen. Für alle diejenigen, die Terminfindung oder Umfragen ohne jegliche Datenspeicherung wünschen, bietet digitalcourage.de mit ihrem nuudel (“nicht speicherndes Termin-Tool”) eine Lösung.

Für Meetings greift man gern zu Skype. Eine kostenfreie Open-Source Alternative, die auch von Digitalcourage empfohlen wird, ist Jitsi Meet.

Fazit

Für mich war die Entscheidung “weg von facebook” richtig und gut. “Gratis” bedeutet leider im Internet nicht, dass ein Dienst nichts kostet. Letztlich bezahlen wir immer mit unseren Daten und werden so vom Kunden zum Produkt. Andererseits bieten Social Media für viele Menschen viele Vorteile. Was jeder von sich preisgibt, darf jeder als mündiger Bürger selbst entscheiden.

Das Wichtigste für mich: Dank der DSGVO sind wir Nutzer so informiert wie noch nie (wenn wir die Datenschutzerklärungen tatsächlich auch lesen). Das erlaubt es uns, informiert zu entscheiden, ob wir einen Dienst nutzen möchten oder nicht. (Und wenn es einem Konzerne wie Facebook, Google oder Amazon eben nicht unbedingt immer ganz leicht machen, eine informierte Entscheidung zu treffen, liegt es an uns selbst, auf deren Dienste ggf. zu verzichten.)

 

Nachtrag: Wer mehr Informationen zum Thema sucht und wissen möchte, wie man sich selbst schützen kann, dem empfehle ich die Seite von Digitalcourage: Privatsphäre vs. Teilhabe – Auswege aus dem Dilemma

 

 

Bildquellen

  • facebook-urteil-pixabay-LoboStudioHamburg: pixabay LoboStudioHamburg